Kernaussage: Sicherheit ist kein Zustand mehr – sie ist die Fähigkeit zum kontrollierten Zustandswechsel.
Wenn Energie, Daten, Material und Menschen gleichzeitig unter Stress geraten, entscheidet nicht „Schutz“, sondern Steuerbarkeit im Degradationsbetrieb darüber, ob ein Land funktionsfähig bleibt.
Deutschland braucht ein neues Lagebild: weg vom Schutzobjekt, hin zum Strukturraum – einem Netzwerk aus emergent critical nodes (Verdichtungspunkten maximaler Kopplung), das in Frieden, Krise und Krieg sowie in allen Zwischenzuständen handlungsfähig bleibt.
Im Think Tank des BSKI arbeite ich an diesem Konzept: Wie sich KRITIS, Dual-Use und zivile Verteidigung zu einem echten Resilienzsystem verbinden lassen. Nicht mehr nur schützen. Sondern führen, wenn alles gleichzeitig passiert.
Deutschland wird sicherheitspolitisch noch immer zu häufig als Schutzobjekt gedacht: ein Raum, der verteidigt wird, aber nicht als System, das operativ geführt werden muss. Die Lage der letzten Jahre – Energiekrisen, Lieferkettenbrüche, Cyberangriffe, Desinformation, wachsende geopolitische Spannung – erzwingt eine neue Kategorie: Strukturraum Deutschland.
Der Strukturraum ist kein Territorium, sondern ein dynamisches System aus Lebensadern, Knoten und Steuerungsebenen, die je nach Lage unterschiedlich belastet, umgelenkt, segmentiert oder reorganisiert werden müssen. Resilienz ist damit keine statische Schutzmaßnahme, sondern ein trainierter Zustandswechsel, der den Betrieb unter Stress kontrolliert degradieren lässt – ohne Kontrollverlust.
Der Strukturraum ist ein Netz aus Infrastrukturen, Prozessen und Steuerungsebenen. Seine Lebensadern sind:
Energie & Versorgung: Strom, Gas, Treibstoff, Wasser, Abwärme, Notnetze, mobile Redundanzen.
Logistik & Materialfluss: Straße, Schiene, See, Luft, Pipeline; Verlege- und Versorgungsfähigkeit in Frieden, Krise und militärischen Szenarien.
Kommunikation & Daten: IT, Funk, Satellit, Cyber, KI, Steuerungssysteme – die Schaltfläche der Operationsfähigkeit.
Gesundheit & Mensch: Krankenhausketten, Notfallversorgung, Bevölkerungsschutz, Sanitätswesen (Role 1–5), Schutz vulnerabler Gruppen.
Wissenschaft & Innovation: Forschung, Hochschulen, Dual-Use-Technologien, Transfer, Skalierung.
Politik & Verwaltung: Kommunen, Länder, Bund; Krisenstäbe; Genehmigungs- und Normsysteme als reale Steuerhebel.
Diese Adern sind nicht additiv, sondern gekoppelt: Energie treibt Kommunikation; Kommunikation steuert Logistik; Logistik versorgt Gesundheit. In bestimmten Punkten entsteht Verdichtung: emergent critical nodes (z. B. Häfen, Umspannwerke, Tanklager, Rechenzentren, kritische Kliniken, Verkehrsknoten). Das Denken in statischen Sektoren (KRITIS, Katastrophenschutz, Militär) reicht nicht mehr. Es braucht eine operative Kartografie, die Kopplungen sichtbar macht und Steuerbarkeit herstellt.
Definition emergent critical node (operational): Ein Knoten ist kritisch, weil er hohe Kopplung bei geringer Substituierbarkeit und kurzer Time-to-Failure vereint – nicht weil er „wichtig wirkt“.
In Friedenszeiten fließen die Lebensadern „unauffällig“. In Krisen verschieben sich Prioritäten: Energie für Gesundheit statt Industrie, Kommunikationskanäle für Lagezentren statt Komfort. In hybriden Lagen überlagern sich Störungsklassen (Cyber + physisch + Desinformation + Lieferketten), und im Kriegsfall muss das System in autonome Teilnetze und mobile Redundanzen ausweichen können.